Deutsche Börse – NYSE Fusion und der deutschen Energiemarkt

Betrachtet man die aktuellen Schlagzeilen in der deutschen Presse, so liest sich die jüngere deutsche Wirtschaftsgeschichte wie eine Erfolgsstory. Die deutsche Wirtschaft hat sich schneller aus der Krise von 2008 erholt als alle anderen Wirtschaftssysteme. Die ganze Nation scheint durch das neu gefundene  Selbstvertrauen unter einem unbändigen unternehmerischen Esprit zu vibrieren. Dieser wirtschaftliche Erfolg bleibt nicht ohne politische Konsequenzen. Auf dem jüngsten EU-Gipfel sahen sich die  Staatsmänner aus anderen europäischen Ländern mit einem beispiellosen deutschen Durchsetzungsvermögen konfrontiert. Frau Merkel konstatierte deutlich, dass alle anderen Länder die Deutsche Wirtschaftspolitik adaptieren sollten, da Deutschland derzeit das Land  mit der  der besten Wertentwicklung in der europäischen Union ist.

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Zum heutigen Tage wurde ein weiteres Kapitel in der Erfolgsgeschichte der deutschen Wirtschaft geschrieben. In der belgischen Wirtschaftspresse war heute die  Schlagzeile zu lesen, dass  „die Deutsche Börse  die New York Stock Exchange übernimmt”. Zugegebenermaßen ist diese  Schlagzeile etwas übertrieben, so wie Schlagzeilen nun einmal sind. Die Deutsche Börse übernimmt natürlich nicht den New Yorker Handelsplatz aber mit dieser Fusion werden 10 von 17 Top Arbeitsplätzen der neuen Gesellschaft von  Deutschen Mitarbeitern besetzt und es scheint deutlich, dass Frankfurt der führende Partner in diesem Kontext  sein wird. Wer hätte gedacht, dass die Deutschen sich einmal in einer derartigen Phalanx auf dem Parkett der Wallstreet bewegen würden.

Nach meinem Dafürhalten werden  wir in den nächsten Jahren zahlreiche wirtschaftswissenschaftliche  Publikationen auf dem Markt finden, die uns detailliert erklären werden, aus welchem Grund sich die deutsche Wirtschaft in einem derart rasanten Tempo erholen konnte. Ich erlaube mir kurz, Ihnen meine persönliche Wahrnehmung und Einschätzung zu diesem Thema darzulegen. In den letzten Jahren habe ich zahlreiche Geschäftsbeziehungen in Deutschland gepflegt. Was ich in dieser Zeit an den Deutschen schätzen gelernt habe, ist ihre Balance zwischen Disziplin und Kreativität. Diese Attitüde lässt sich auch in  der  deutschen Wirtschaftspolitik beobachten. Es ist diese effektive Mischung aus disziplinierter Haushaltspolitik  und unternehmerischer Flexibilität, wie wir es z.B. in der  Auflockerung starrer Beschäftigungsbedingungen finden.

In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage, ob sich diese positive, vibrierende Entwicklung auch auf den deutschen Energiemarkt übertragen lässt?  Viele würden wohl  argumentieren, dass dies nicht der Fall ist. Nach meinem Dafürhalten steht  der  deutsche Energiemarkt noch  vor zwei entscheidenden Hindernissen:

  1. Der „Nicht-Rohstoff-Anteil“  der Stromrechnung, also Netznutzungsentgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen sind in Deutschland weitaus  höher als in jedem anderen Land. Wie ich bereits an anderer Stelle in diesem Blog bemerkt habe, hat Deutschland die  grüne Stromproduktion bemerkenswert schnell vorangetrieben. Allerdings mit dem negativen Effekt, dass diese  Energie  35 Euro pro MWh kostet. Darüber hinaus sind die Netzentgelte in Deutschland die höchsten im Vergleich zu allen anderen  westeuropäischen Ländern. Der Grund hierfür  ist relativ einfach. Es gibt eine Vielzahl von verschiedenen Versorgungsunternehmen, welche die Preise ihrerseits  bestimmen. Wir können davon ausgehen, dass der CEO des französischen Netzbetreibers  EFRE, Michèle Bellon ein angemessenes Gehalt für seine Leistung bezieht. Dennoch entrichten die  Franzosen lediglich ein CEO Gehalt für 95%  ihrer gesamten Elektrizitätsversorgung. Die Deutschen hingegen  zahlen unendlich viele CEO Gehälter für die gleiche Dienstleistung.
  2. In gewisser Weise ist der deutsche Energiemarkt nach wie vor archaisch strukturiert. Es gibt eine Vielzahl von lokalen Netzversorgern, die sogenannten Stadtwerke, von denen die meißten das  Energieversorgungsgeschäft exklusiv fortführen. Eine Liberalisierung hat nicht wirklich stattgefunden. Wie aber sieht  die Zukunft solcher  Unternehmen aus? Wenn Sie nicht in der Lage sind eine zeitgemäße und  kundenorientierte Produkt- und Dienstleistungspolitik  außerhalb ihrer althergebrachten Traditionen zu  entwickeln, werden Ihre Kunden zukünftig eine leichte Beute für  innovative Mitbewerber sein. Solange in den Aufsichtsräten der ansässigen Stadtwerke  lokale Politiker vertreten sind, wird die Bereitschaft, auch außerhalb der  Gemeindegrenzen Geschäfte zu tätigen, sehr gering sein.

Vielfach konnten wir die negativen Folgen dieser archaischen Marktstruktur bei dem Energieeinkaufsverhalten der Unternehmen beobachten. Ich habe bereits die einzigartige deutsche Mischung aus Disziplin und Kreativität gelobt. Gerät aber diese Balance in Schieflage, so entwickelt sich sehr schnell aus einem zu viel an Disziplin eine gewisse Form von Konservativismus. Gefördert wird diese konservative Einkaufspolitik der Kunden durch die langjährige Bindung an das örtliche Versorgungsunternehmen, deren Dienstleistung und Preispolitik aufgrund der jahrelangen Kundenbeziehung in keiner Weise in Frage gestellt wird. Oftmals sind dies kleinere lokale Firmen, denen die Bereitschaft und Fähigkeit fehlt, die vielfachen  Möglichkeiten des bestehenden, offenen Energiemarktes für einen bestmöglichen Energieeinkauf zu nutzen.  Aus dieser Gewohnheit und Bequemlichkeit  heraus unterzeichnet der deutsche  Energie Käufer weiterhin Verträge mit erdölindizierten Gaspreisen und langfristige Stromverträge mit Festpreisen. Eine fundierte  Analyse der Chancen und Risiken auf den Energiemärkten findet nicht statt.

Nichtsdestotrotz möchte ich den  deutschen Energiemarkt nicht ausschließlich negativ skizieren. Schon allzu oft hat diese deutsche Mischung aus Disziplin und Kreativität in der Vergangenheit zu überraschend schnellen Entwicklungen geführt.

  1. Der deutsche Gasmarkt  hat sich mit  Lichtgeschwindigkeit entwickelt. Wir finden nun Gaslieferverträge für fast alle Kunden auf der Basis von Hub-Preisen. Durch die bestehenden Spot-Märkte bestehen nun ausgezeichnete Hedging-Möglichkeiten. Wir stellen fest, dass viele Lieferanten sich noch etwas schwer tun, den richtigen Ansatz zu entwickeln aber diese Verträge scheuen keinen Vergleich zu Großbritannien oder den Niederlanden.
  2. Gerade als Belgier überrascht es mich, dass  Deutschland über eine Regierung verfügt, die Entscheidungen trifft und Selbige relativ effizient umsetzt. Das ist wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum Deutschland sich so schnell aus der Krise erholen konnte. Dies beobachten wir auch auf den Energiemärkten. Eine der wichtigsten Fragen in Bezug auf die Deregulierung des deutschen Marktes ist die Tatsache, dass trotz der hohen Anzahl von Netzbetreibern, der freie  Zugang zu den Netzen gewährleistet sein muss.  Selbst die Transportnetzte sind wiederrum in viele unterschiedliche Netze unterteilt. In den vergangenen vier Jahren haben die deutschen Behörden erfolgreich den Weg geebnet um einen freien Zugang für Dritte sicherzustellen. Auf dem Strommarkt kann inzwischen jeder Anbieter bundesweit jeden seiner Kunden versorgen. Für den Gasmarkt gibt es zwar noch  einige Beschränkungen aber auch hier schreitet die Entwicklung zügig voran.
  3. Dank der Vielzahl von Energie-Unternehmen gestaltet sich der Versorgungsmarkt in diesem Land  sehr lebendig und äußerst wettbewerbsfähig. Der deutsche Strommarkt wird nicht wie in Frankreich (EDF) oder  in Belgien (Electrabel) von einem einzigen Anbieter dominiert, sondern wir finden hier vier große Protagonisten  auf dem Strommarkt: E-On, RWE, Vattenfall und EnBW.  Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von lokale Lieferanten respektive Fusionen von kleineren Anbietern, die bundesweit agieren, so z.B.  EWE, MVV, Trianel, N-Ergie, etc. Auf dem Gasmarkt befinden  sich neu gegründete Unternehmen wie natGAS oder Gasag. Dieser lebhafte Wettbewerb hat zur Folge, dass sich neue Produkte,  wie der Tranchen Modellvertrag für den Kauf von Gas auf TTF oder NCG Basis  schnell entwickeln konnten.
  4. Die Leipziger Strombörse EEX verfügt über die höchste Liquidität aller kontinentaleuropäischen Strombörsen. Ich bleibe skeptisch ob sich die Energiemärkte letztendlich zu  börsengehandelten oder als OTC-Märkten entwickeln. Falls sich aber ein  börsennotiertes  Modell durchsetzt,  wird die Leipziger EEX ein bedeutender Name in Europa sein. Vergleichbar mit der  Deutsche Börse auf den internationalen Aktienmärkten.

Der deutsche Energiemarkt ist voller Chancen und  ich bin sehr zuversichtlich, dass die deutschen, inspiriert von ihrem  neu gefundenem wirtschaftlichen Selbstvertrauen und Ihrer Kreativität nach den  neuen Möglichkeiten greifen werden.

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